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Das Märchen vom Tanze des Mönches im

Dornbusch.

Die nachfolgenden Blätter beschäftigen sich mit dem aus der Sammlung der Brüder Grimm wohlbekannten Märchen vom Juden im Dorn oder, wie man es mit besserem Fug nennen kann, vom Tanze des Mönches im Dornbusch. Auf einen grossen Teil der zahlreichen Gestaltungen, die diese Erzählung seit dem 15. Jahrhundert bei verschiedenen Völkern gefunden hat, haben schon W. Grimm) und Reinhold Köhler 2) hingewiesen; da ihnen jedoch gerade die ältesten und ausführlichsten Fassungen des Schwankes unbekannt blieben, die uns eine interessante Vergleichung zwischen schriftlicher und mündlicher Tradition ermöglichen, wird man, hoffe ich, eine knapp zusammenfassende Betrachtung, der sich der Abdruck zweier niederländischer (B 1—2) und zweier deutscher Dichtungen (F und J) anschliesst, nicht überflüssig finden. Für die Zusammenbringung des weit zerstreuten Materiales bin ich der hilfreichen Güte der Herren Reinhold Köhler in Weimar, Christian Bruun in Kopenhagen, Florimond van Duyse in Gent, R. Wolkan in Czernowitz, Julius Zupitza in Berlin, sowie den Verwaltungen der Bibliotheken zu Berlin, Brüssel, Göttingen, Leiden zu warmem Danke verpflichtet.

Der gemeinsame Kern dieser Erzählungen ist folgender. Ein armer Bursch (Bauernknecht, Hirtenknabe) erhält von einem alten

1) Kinder- und Hausmärchen III 3, 191 f. zu Nr. 110.

2) Jahrbuch für romanische und englische Litteratur V, 9 f. (1864). VII, 268 (1866). Göttinger gelehrte Anzeigen 1868, 1380.

Bettler (Zwerg, Geist, Fee, Christus, Petrus) zum Lohn für seine Mildthätigkeit eine Zauberpfeife oder Fiedel, mit der er einen ihm begegnenden Mönch (Juden, Bürgermeister, Häscher oder seinen früheren Herrn), während er im Dornengesträuch einen eben geschossenen Vogel aufheben will, zwingt zu tanzen und sich von den Dornen zerkratzen zu lassen. Als er wegen dieses Streiches vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt wird, befreit er sich durch dieselbe Zauberpfeife vom Galgen.

In den Einzelheiten, namentlich in der Einleitung, treten mannigfache Unterschiede hervor. Unter den bis in die jüngste Zeit im Volksmunde fortlebenden Märchen gewahren wir insbesondere zwei Gruppen, die sich an zwei Dichtungen des 15. bis 16. Jahrhunderts, eine anonyme englische und eine deutsche von Dietrich Albrecht, anschliessen. Die erstere (nach unserer Bezeichnung A) schildert in dem Helden Klein Jack einen von der bösen Stiefmutter gemisshandelten und beim Vater verleumdeten Knaben, in dem die schnöde Behandlung schliesslich den Wunsch nach Vergeltung weckt; das deutsche Gedicht (F) erzählt von einem gutmütigen einfältigen Knechte, der von dem geizigen Bauern als Lohn für drei Jahre treuen Dienstes drei Pfennige erhält und damit höchlich zufrieden in die Welt zieht. Beide, Klein Jack und der Bauernknecht, verschenken ihre Habe an einen (zwei) alten Bettler, nur mit dem Unterschiede, dass Jack die verdorbene Speise, die er selbst nicht mag, dahingiebt, der Knecht aber die drei Pfennige. Unter den drei Wünschen, die ihnen darauf freigestellt werden, sind die beiden ersten, ein wunderbarer Bogen (Armbrust) und eine Zauberflöte oder Geige, beiden Erzählungen gemeinsam; der dritte ist in A durch die spätere Rache an der Stiefmutter, in F durch die Befreiung vom Galgen veranlasst. A hat dabei den hübschen Zug, dass der Knabe sich nur einen gewöhnlichen Bogen und eine Pfeife wünscht, und dass erst der Alte die wunderbaren Eigenschaften hinzufügt. Der Mönch, der dieselben zu seinem Schaden erfährt, ist in A nur ein gefügiges Werkzeug der Stiefmutter, in F ein aus dem Kloster entlaufener diebischer Geselle. Der Tanz, den er im Dornbusch vollführt, wird in F zu einer noch härteren Strafe, weil er hier zu einer Insel hinschwimmen muss und deshalb seine

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